Pilgerreise Indien/Nepal 2019

Ein Erlebnisbericht von Upasako Sudantha


Im Jänner 2019 begaben wir, eine kleine Gruppe des Dhammazentrums Nyanaponika, uns auf eine Reise der besonderen Art. Wir wollten gemeinsam jenen Pfad beschreiten, den vor ca. 2500 Jahren Siddhartha Gautama Shakyamuni, der historische Buddha, wanderte. Wir wollten die einzelnen Stationen seines Lebens und Wirkens von der Geburt bis zum Verlassen seines irdischen Körpers hautnah erleben und erfühlen. Vielleicht brachte uns ja gerade diese Reise sogar ein kleines Stück der Befreiung unseres konzeptionell geprägten Geistes näher.

Wir wanderten manchmal schweigend und manchmal laut, aber stets in Ehrfurcht vor dem, was in Indien und heutigen Nepal vor 2500 Jahren geschah. Besonders wertvoll wurde diese Pilgerreise durch die spirituelle Führung unseres ehrwürdigen Bhante Seelawansa.

Indien bietet aufgrund seiner pulsierenden Lebhaftigkeit an sich schon eine gute Voraussetzung, Gelassenheit und Umgang mit eigenen Emotionen zu praktizieren. Manchmal waren die Übungen wirkungsvoll, manchmal blieben wir aber ganz in Samsara verhaftet.

Aus reiseorganisatorischen Gründen war ein Besuch der Lebensstationen in chronologischer Abfolge nicht zweckmäßig. Immerhin mussten wir die fünfzig Jahre der Wanderung Buddhas in zehn Tagen bewältigen. Ein großer, komfortabler Bus unterstützte uns dabei.

Unsere Reiseroute führte uns von Sarnath über Varanasi nach Bodhgaya, dem heiligen Ort Buddhas Erleuchtung. Dann besuchten wir einige vom Erhabenen sehr geschätzte Plätze wie den Geierberg und Vaishali bei Kusinagar, dem Ort Buddhas Eingang ins Parinirvana. Erst der letzte Teil der Reise führte uns zu seiner Geburtsstätte in Lumbini in Nepal und nach Shravasthi, wo er sich gerne zur Regenzeit aufhielt.

Um meine persönlichen Eindrücke mit den historischen Stätten emotional besser verbinden zu können, möchte ich die Pilgerfahrt aber chronologisch zu Buddhas Lebensverlauf erzählen.

Der spätere Buddha wurde ja bekanntlich als Siddhartha Gautama, Sohn des Fürsten von Shakya, im heutigen Nepal geboren. Mayadevi, die Mutter Siddharthas, entband ihr Kind während einer Reise unter einem Baum in Lumbini nahe der Hauptstadt Kapilawasthu. Wir näherten uns diesem Ort bedächtig, indem wir vorerst ein tibetisches Kloster in der Umgebung des eigentlichen Geburtsortes besuchten. Der Abt erzählte uns bei einer Tasse Tee über die Geschichte des Klosters und zu unser aller Erstaunen, dass dieser altehrwürdige heilige Ort erst in jüngster Zeit wiederentdeckt und zugänglich gemacht wurde.

Der Weg zu jenem Platz, an dem Siddhartha das Licht der Welt erblickte, führt über eine lange, breite Promenade. Entlang dieses Weges gab es viel Leben, wie etwa diverse besondere Vogelarten, zu beobachten. Das Heiligtum selbst erreicht man über einen weitläufigen Park, dessen spirituelle Atmosphäre den Besucher sofort in den Bann zieht. Mit tibetischen Gebetsfahnen geschmückte Bäume, andächtige Pilger und betende Mönchsgruppen ließen in mir sehr rasch ein Gefühl der inneren Freude aufkommen. Banthes Erzählungen verhalfen uns dazu, in die Geschehnisse der damaligen Zeit, die Geburt Siddharthas, einzutauchen.

Der Geburtsplatz selbst wurde 300 vChr. von König Ashoka, einem überzeugten Anhänger der Lehre, entdeckt und gekennzeichnet. Erst im 19. Jhdt. errichtete man dann zum Schutz der bisherigen archäologischen Funde schrittweise den Mayadevi-Tempel. Die Ausgrabungen sind bis heute im Gange. Bei der Vorstellung, dass genau hier der künftige Buddha geboren wurde, entfaltete sich in mir ein unbeschreiblich erhebendes Gefühl.

Neben dem Geburtsplatz ließ König Ashoka zum Gedenken an das große Ereignis eine Säule errichten und zur Freude der Bürger die Steuerquote auf ein Achtel herabsetzen.

Die Busfahrten dauerten manchmal zwölf, einmal sogar vierzehn Stunden. Eine halbwegs zutreffende Prognose der Fahrtdauer ist in Indien so gut wie unmöglich. Der Straßenzustand begrenzt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit im besten Fall auf sage und schreibe 30 km/h. Bei diesen endlosen Fahrten hatten wir die Möglichkeit, das Erlebte untereinander auszutauschen, mit Bhante zu diskutieren oder einander einfach besser kennenzulernen. Manchmal brauchte ich aber einfach nur Ruhe, um die Eindrücke zu verarbeiten.

„Das Denken schweift gern ab, man hält es schwer zurück. Es zu zähmen, das ist gut. Gezähmt bringt Denken Glück.“

(Dhammapada Vers 35)

Siddharta versuchte bekanntlich viele Wege, um sein Ziel der Befreiung von Vergänglichkeit, Unzufriedenheit und Leid zu erreichen. Ein breiter, leicht ansteigender Weg auf den Durgeshnari Berg, führte uns zu jener Höhle, in der Siddharta viele Jahre in Askese verbrachte. Nach dem Durchschlüpfen des winzigen Einganges erreichten wir die enge, finstere Höhle, in welcher nach einigen Sekunden der Adaption im Kerzenschein die Statue eines bis auf die Knochen abgemagerten Buddhas sichtbar wird. Hier erkannte also Siddhartha, dass letztendlich kein Weg des Exzesses zur geistigen Befreiung führen kann. Er erkannte den Grundsatz des mittleren Weges.

„Vergebens musste ich durch viele Leben wandern, den Bauherrn suchte ich. Ein Leiden kam zum andern. Jetzt Bauherr seh‘ ich Dich. Das Bauen ist Dir verwehrt. Die Balken sind dahin, der Dachstuhl ist zerstört. Mein Denken ist jetzt frei, der Durst hat aufgehört“.

(Dhammapada Verse 153 und 154)

Danach wanderte Siddhartha nach Bodhgaya und setzte sich unter einen Feigenbaum. Nach 49 Tagen tiefer Versenkung erkannte er den Weg zur Befreiung und wurde zum Buddha, dem Erleuchteten.

Bodhgaya ist wohl einer der heiligsten Orte für Praktizierende aller Traditionen. Ein Spaziergang durch den riesigen Park mit großem Teich ließ mich all meine Sinne öffnen, um mich auf den Besuch des heiligen Ortes vorzubereiten. Überall duftete es nach Räucherwerk, und die Gesänge der Mönche begleiteten die Pilger bei ihrer Wanderung um den Tempel. Auch wir durften Segnungen empfangen und unsere Opfergaben im Schrein in Ehrfurcht darbringen. Beim Umrunden des Tempels und bei Betrachtung des riesigen Ablegers des ursprünglichen Bodhi-Baumes, unter welchem der Buddha die Erleuchtung erlangte, überkam mich das Gefühl unendlicher Dankbarkeit dafür, über diesen Weg schreiten zu dürfen. Ein Platz vor dem heiligen Baum lud mich ein zu tiefer innerer Einkehr und unbeschreiblicher Ruhe.

Eine Pilgerreise bringt auch Entbehrungen mit sich. So läutete der Wecker manchmal weit vor fünf Uhr morgens. Zum Beispiel in Varanasi, um eine Bootsfahrt am Ganges zu unternehmen. Der Ganges wird ja von Hinduisten sehr verehrt, da sein Wasser der Reinwaschung von geistigen Befleckungen dienen soll. Aufgeregt knatterte unser kleines Boot in die nächtliche Stille und bescherte uns einen Ausblick auf die atemberaubende Silhouette der bunt beleuchteten Uferbauwerke. Begleitet von eindrucksvollen hinduistischen Ritualen wurden die Körper von Verstorbenen dem Feuer übergeben. Nacht und Tag, Leben und Tod. Zeugnisse der Vergänglichkeit aller Phänomene.

Nach diesem berührenden Ausflug auf den Ganges folgten wir weiter dem Pfad des nunmehr Erwachten von Bodhgaya nach Sarnath, wo dieser an der Stelle des heutigen Chaukandhi-Stupa seine ersten Schüler getroffen haben soll. Und schließlich der Gazellenhain, wo der Erhabene das erste Mal seine Lehre darlegte und somit das Rad der Lehre in Bewegung setzte. Hier erklärte er das erste Mal die Wahrheiten vom Leiden, von der Entstehung des Leidens, von dessen Auflösung und vom Weg zur Auflösung: die vier edlen Wahrheiten. Immer wieder überkam mich das Bedürfnis, mich von den anderen Pilgern zu entfernen, alleine mit meinen Gedanken an jene Zeit. Unvermeidbar pendelte mein Geist zwischen dem Versuch einer gedanklichen Vorstellung der damaligen Geschehnisse und meiner inneren Ergriffenheit darüber, dass alles genau hier geschah. Ein Oszillieren zwischen Illusion und dem gerade jetzt Erlebten. Beide Wahrnehmungen existierten nebeneinander, getrennt durch das Phänomen der Zeit, erschaffen von meinem Geist.

Ein ganz besonderes Erlebnis für mich war der in den Lehrreden immer wieder zitierte Griddhakuta, der Geierberg bei Rajagir. Siddhartha besuchte diesen wundervollen Platz schon vor seiner Erleuchtung als Asket und versprach dem damaligen König Bimbisara, als Buddha wieder zurückzukehren. Das tat er in der Folge viele Male, um auszuruhen, zu predigen und in den Höhlen zu meditieren.

Es ist unbeschreiblich aufwühlend und beruhigend zugleich, beim Aufstieg auf das Gipfelplateau auf die kleinen Höhlen zu treffen, in welchen der Erhabene und seine engsten Schüler vor 2500 Jahren meditierten. Die Energie ist noch heute ganz tief spürbar. Nach Erreichen des Gipfelplateaus genossen wir unter einer Vielzahl von tibetischen Gebetsfahnen den wunderbaren Ausblick, begleitet von den Rezitationen einer kleinen Mönchsgruppe.

„So wie die Lotusblume zunächst im Schlamm heranwächst, um diesen dann gänzlich abzustreifen, so steht der Weg zur inneren Freiheit auch jedem Menschen offen.“ Das ist die zentrale Aussage der Lotus-Sutra, die der Buddha an diesem Ort seinen Schülern darlegte. Hoffnungsvoll blickte ich vom Gipfel ins Tal, das vom Nebel verschlungen dem Schlamm der Lotusblume glich.

Zu den bedeutenden historischen Sehenswürdigkeiten zählt natürlich auch die Ausgrabungsstätte der berühmten Nalanda-Universität. Die Universität erreichte im 5.Jhdt.n.Chr. ihre größte Bedeutung. Gelehrte wie Nagarjuna, Vashubandu und Asanga wirkten hier.

Fünf Jahre nach seiner Erleuchtung kam der Erhabene erstmals nach Vaishali. Beim Besuch des Ananda-Stupa erzählte uns Bhante eindrucksvoll, dass der Erhabene einst auch zur Beendigung einer Dürrekatastrophe zu Hilfe gerufen wurde. Als er bei seiner Ankunft den Boden berührte, setzte der Regen ein. Hier soll der Buddha Frauen erstmalig den Zugang zur Sangha und somit die Möglichkeit zur Ordination zur Nonne gegeben haben. Welch fortschrittlicher Gedanke für die damalige Zeit in dieser Region! Buddha soll an diesem Ort auch seine letzte öffentliche Lehrrede gehalten haben. In einem hier entdecken Stupa waren lange Zeit einige seiner körperlichen Überreste aufbewahrt. Die Reliquien sind allerdings nun im Museum von Delhi ausgestellt.

25 Jahre lang kam der Buddha während der Regenzeit nach Shrawasthi, in dessen Jetahain er viele bedeutende Lehrreden hielt. Banthe erzählte uns gleich nach der Ankunft, wie der reiche Kaufmann Anapindika diesen Hain erwarb, ein Kloster darauf errichten ließ und dem Erhabenen und seiner Sangha zum Geschenk machte. An der Stelle des damaligen Klosters befinden sich heute die Reste der Anapindika-Stupa, umgeben von einem Park mit inspirierender Aussicht.

Die letzte Station im Leben Buddhas war Kusinagar, wo der Erhabene seinen irdischen Körper verließ und in das Parinirvana einging. Ehrfürchtig umrundeten wir die riesige Statue des liegenden Buddha im Mahaparinirvana-Tempel. Trotz der Vielzahl von Gläubigen, die sich um eine Berührung der Statue bemühte, fanden wir einen engen Platz, wo wir uns zu einem kurzen gemeinsamen Gebet niederlassen konnten. Unsere Verse verbanden sich mit jenen anderer Gruppen und buddhistischer Traditionen zu einem zwar nicht gesanglich, aber emotional harmonischen Ganzen.

„Alles Geschaffene ist vergänglich. Strebet weiter unablässig in Achtsamkeit“. Das gab der Erhabene seinen Schülern beim Erlöschen mit auf den Weg. Mit der Gedenkstätte an Buddhas Erlöschen endet auch meine Erzählung über diese wunderbare Reise, die uns die Möglichkeit gab, das gelehrte Wissen durch direktes Erleben körperlich erfahrbar zu machen. Auch diese Erfahrungen existieren nur mehr als Erinnerung, doch die Erinnerung ist jetzt noch ganz tief erfahrbar.

„Kanam puranam navam nati sambavam“

„Verzehrt ist das Alte, nichts Neues mehr wird. Nicht suchte der Geist mehr nach künftigen Sein. Verdorrt ist der Keim, kein Wünschen mehr wächst. So verlöschen die Weisen wie eine Lampe.“

Statements von Teilnehmenden:

Monika:

Jeder einzelne Aufenthalt an den historischen Plätzen brachte neue Erkenntnisse über das Leben und Wirken des Erhabenen „Buddha“ und dank Bhantes spiritueller Begleitung entwickelte sich die Reise zu einem „Dhamma on the Road“. Ich bin voller Dankbarkeit für diese wunderbare Erfahrung!

Harald:

Neben vielen, vielen anderen Eindrücken haben mich die Reste des Ghandakuti im Jetahain in Savatti tief berührt, dort wo der Buddha viele Regenzeiten verbracht hat: die Bescheidenheit eines voll erwachten Menschen, eines Buddha, der sich mit wenigen Quadratmetern für seine temporäre Wohnstätte begnügt hat.“

Walter:

Authentischer und erhellender geht kaum: Buddhas Lehrreden an seinen Wirkorten aus berufenem Munde erläutert bekommen. Die Dankbarkeit für dieses Privileg wächst retrospektiv immer noch weiter.

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