Buddha und Natur

Harald Reiter – Dhammareflexion zum Thema:

Buddha und Natur

Oder „Was würde der Buddha zu Corona sagen?“

Ein Markt in Wuhan in China gilt als Ausgangspunkt für die Verbreitung von Covid-19. Man nimmt an, dass sich das Virus mit dramatischen Folgen für den gesamten Erdball von Fledermäusen über Zwischenwirte wie Schuppentiere, Schleichkatzen oder andere auf den Menschen übertragen hat.

Auf diesem Markt in Wuhan, einer von vielen solchen Märkten weltweit, liegen Kadaver auf Tischen, lebendige Tiere werden gekocht, in winzigen Käfigen werden andere übereinandergestapelt. Es sind perfekte Bedingungen für Viren und deren Übertragung auf Menschen.

Es gibt neben Verschwörungstheorien und der Hoffnung, dass Covid-19 unsere Welt zum Besseren verändern würde – ein Potential, das sicher auch gegeben ist –  immer mehr seriöse wissenschaftliche Stimmen, die unseren zerstörerischen Umgang mit der Natur als Ursache für diese Pandemie und auch für zukünftige Ereignisse nicht nur von Epidemien und Pandemien betrachten.

In einer der Jatakas erklärt der Buddha einem König, wie sich das ethische Verhalten der Menschen auswirkt, dass es in einem Zeitalter der Weltverschlechterung durch Verfall der Tugend, zum Ausbleiben von Regen und Hungersnot kommen wird, ebenso zu Zerstörungen durch zu viel Regen. Er weist also klar darauf hin, dass sich unsere Praxis von Sila auf die Welt um uns auswirkt, auch auf die Natur.

Bei einer anderen Begebenheit wurde der Buddha gebeten, eine Stadt von Pest und Hungersnot zu befreien. Er gab die Ratana-Sutta, mit der sich Krankheit und Hunger legten und die seitdem einen geschätzten Schutztext (Paritta) darstellt. In dieser Sutta spricht der Buddha nicht über die Pest oder die Hungersnot, sondern über den Wert von Buddha – Dhamma – Sangha.  Das mag auf den ersten Blick irritierend erscheinen, da der Buddha an anderen Stellen sehr detaillierte Verhaltensweisen in bestimmten Situationen erklärt. Aber das Prinzip ist ein umfassenderes. Wenn wir jetzt noch in vielen Lebensbereichen einen Mund-Nasen-Schutz tragen, so ist das eine sehr konkrete Maßnahme. Das Prinzip dahinter ist, dass wir einander gegenseitig schützen, so wie der Buddha in der Lehrrede vom Bambusakrobaten und seiner Gehilfin sagt, dass man sich selber schützend den anderen schützt und den anderen schützend sich selber schützt.

Wir können aber die Aufmerksamkeit noch mehr weiten und einen Blick darauf werfen, wie der Buddha in einer Zeit gelebt hat, in der es die Begriffe Ökokrise, Klimakrise, Klimawandel und Umweltverschmutzung noch nicht gegeben hat. Der Buddha wurde als Prinz Gautama unter einem Baum geboren, hat das Erwachen unter einem Baum erfahren und ist unter einem Baum ins Parinibbana eingegangen. Die 45 Jahre seiner Lehrtätigkeit hat er wandernd durch ein Indien voll von Wäldern und Hainen, durchzogen von Flüssen, verbracht, immer wieder in Wildparks lehrend, nicht in den Städten. Und die Regenzeiten hat er außerhalb der Städte in Klöstern im Grünen verbracht. Zahleiche Ordensregeln sind Zeugnis für Harmlosigkeit gegenüber allen Wesen und Rücksichtnahme auf die Natur. Und er hat das auch den HaushälterInnen gelehrt. Mögen alle Wesen glücklich sein, sagt er in der Metta-Sutta, wo er uns auch einlädt, alles Lebendige mit einem grenzenlosen Geist liebend zu umfassen.

Wenn wir betrachten, wo wir uns im Umgang mit den Wesen und der Natur befinden, kann man sich fragen, wie es dazu gekommen ist – dass wir uns dort befinden, wo wir uns befinden? Was ist passiert?

Bhikkhu Payutto, ein thailändischer Mönch, hat zu Beginn der 1990er Jahre, also vor etwa 30 Jahren, in einem Gespräch über eine „Buddhistische Lösung für das 21. Jahrhundert“ drei Wahrnehmungen skizziert, die er als Quelle der sozialen und ökologischen Probleme der Menschheit ansah:

Da ist einmal die Wahrnehmung, dass der Mensch von der Natur getrennt sei und dass er

die Natur nach seinen Wünschen kontrollieren kann und das Recht, sie zu erobern und zu manipulieren, hat.

Die zweite irreführende Wahrnehmung ist, dass die Mitmenschen nicht unsere Mitmenschen, sondern Rivalen sind und die Neigung, sich auf die Unterschiede zwischen uns und nicht auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, wodurch Angst, Neid und Missgunst geschürt werden.

Und die dritte verfängliche Wahrnehmung ist, dass unser Glück davon abhängt, dass wir einen Überfluss an materiellem Besitz haben. Wenn wir diese Wahrnehmungen betrachten, erkennen wir schnell Verblendung, Hass und Gier, um die stärksten Ausprägungen davon zu benennen.

Der Kern unserer Probleme liegt demnach nicht in der Technologie oder dem Fortschritt, sondern in der falschen Wahrnehmung, entstanden aus falschen Ansichten. Was wir also brauchen, ist eine richtige Sichtweise (samma ditthi).

Die richtige Sichtweise ist die Grundlage des buddhistischen Pfades, nämlich, dass es Frucht und Ergebnis guter und schlechter Taten gibt, dass wir in Abhängigkeit von der Großzügigkeit anderer aufgewachsen sind und leben und das nicht nur von Menschen sondern von ganz vielen Tierarten und Wesen und der Natur insgesamt. Der Buddha hat über Wesen gesprochen, nicht Tierarten oder die Natur als solche. Aber wie er darüber gelehrt hat, impliziert einen entsprechenden Umgang mit der Natur und mit den Ressourcen, die wir haben. Wenn wir auf Einzelwesen aufpassen, wenn wir Harmlosigkeit leben und Ressourcen schonend verwenden, schützen wir die Natur.

Diese Ansicht ist eine direkte Ausrichtung auf eine Welt der Werte. Unsere Welt ist also nicht nur ein Haufen von Waren und Rivalen. Die richtige Sichtweise sieht, dass wir in der Welt auf eine Weise involviert sind, die zu Verantwortung ermutigt, anstatt zu Ansprüchen. Wir erhalten ein Geschenk, deshalb geben wir in Form von geschicktem Handeln zurück.

Bei der Dhamma-Praxis geht es dann darum, die richtige Sichtweise in eine Lebensweise zu integrieren, die auf Gegenseitigkeit beruht: „für andere wie für mich selbst“. Der Buddha förderte dies durch die Kultivierung von Großzügigkeit und Teilen (dāna und chaga), von moralischer Integrität (sīla) und von Verzicht oder Mäßigung der Sogwirkung der Sinne (nekkhamma).

Aus Sicht des Buddha stehen wir also mit allem, was ist, in Wechselbeziehung. Diese Ansicht deckt sich im Wesentlichen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der ökologischen Forschung unserer Zeit. In der Ökologie verwendet man dafür Begriffe wie Vernetztheit der Systeme, Regelkreise, Wechselwirkungen usw. Der Buddha sagt ganz einfach „Wenn dies ist, dann ist jenes; durch das Aufsteigen von diesem steigt jenes auf, nämlich durch Verblendung bedingt sind Gestaltungen“ usw. Er beschreibt die Kette der bedingten Entstehung. Und er sagt auch, „wenn jenes nicht ist, so entsteht auch dies nicht. Durch das Aufhören von jenem wird dieses beendet“ (Samyutta Nikaya II, 28.65).

Wir haben demnach die Möglichkeit zum Handeln und zur Veränderung.

Im Dhammapada sagt der Buddha, dass allem der Geist vorangeht! Wenn wir den Geist trainieren, werden unheilsame Geisteszustände nicht entstehen oder zum Versiegen gebracht. Unheilsame Handlungen werden nicht gesetzt und damit kommen wir von innen nach außen, haben eine Wirkung auf die Welt. 

Die Coronakrise, die Ökokrise, soziale Krisen usw. lassen sich durchaus als Wahrnehmungskrise des Menschen bezeichnen, eine Krise unserer Selbsterkenntnis und Selbstbeziehung. Um Umweltzerstörung und letztendlich unsere eigene Zerstörung zu stoppen, müssen wir den zerstörerischen Umgang mit uns selbst stoppen. Nicht die Erde braucht letztendlich Heilung, sondern wir Menschen müssen wieder heil im Sinne von ganz werden. Der Weg, den der Buddha uns aufzeigt, kann dabei in höchstem Maße hilfreich sein.


Beitrag von Harald Reiter

Hinweis:

Am 28. Juni 2020 wird es zu diesem Thema eine Dhammareflexion unter dem Titel „Buddha und Natur oder Was würde der Buddha zu Corona sagen?“ geben.

Zoom online, 19 bis etwa 20.45 Uhr

geführte Meditation durch die 4 Elemente (ca. 25 Minuten)

Reflexion zum Thema in Form eines Vortrages (ca. 40 Minuten)

gemeinsame Kontemplation zum Thema (ca. 25 Minuten)

Austausch und Abschluss-Metta-Meditation

Leitung: Harald Reiter 

Zoom Link hier (unter Veranstaltungen)


Quellen:

Buchhinweis (ist ein PDF, kostenlos):
„Buddha – Nature, Human – Nature – Ajahn Sucitto
Link: https://forestsangha.org/teachings/books/authors/ajahn-sucitto?language=English[1]